Interview: Holger Zastrow in der Freien Presse zum Sächsischen Nationalmuseum

Das Japanische Palais in Dresden soll als Standort für ein sächsisches Nationalmuseum geprüft werden. Das hat der Landtag entschieden. Die Idee für ein solches Museum über die Geschichte Sachsens hatte FDP-Landeschef Holger Zastrow bereits vor einem Jahr. „Das Nationalmuseum soll kein Museum im Sinne einer Sammlung werden, sondern ein Ort für geschichtliche und politische Bildung, der vorrangig Schüler ansprechen soll“, erklärte Zastrow jetzt im Interview mit der Chemnitzer Freien Presse. Das Japanische Palais sei eine Landeseinrichtung, über deren Nachnutzung man sich ohnehin Gedanken machen müsse.

Das Interview von Holger Zastrow mit der Chemnitzer Freien Presse ist nachfolgend in seiner autorisierten Fassung dokumentiert:

Freie Presse: Wann waren Sie das letzte Mal in Chemnitz?

Holger Zastrow: Ich bin oft in Chemnitz. Aber das letzte Mal? Das war vor einigen Tagen auf dem Weihnachtsmarkt. Der Chemnitzer ist einer der schönsten.

FP: Welchen Eindruck haben Sie von der Stadt?

Zastrow: Chemnitz ist ein ungeschliffener Diamant. Es gibt eine gewisse Unzufriedenheit vor Ort, was schade ist. Die Stadt verkauft sich oft unter Wert.

FP: Man könnte den Diamanten schleifen. Es hieß, dass das derzeit entstehende Landesarchäologiemuseum im Schocken um ein Nationalmuseum erweitert werden könnte. Aber die FDP will das offenbar nicht.

Zastrow: Es kann doch nicht der richtige Weg sein, dass die Oberbürgermeisterin sagt, im Schocken ist noch eine Etage frei und im Koalitionsvertrag von CDU und FDP steht doch so ein Nationalmuseum drin, das nehmen wir uns jetzt – ohne dass sie übrigens weiß, was das Nationalmuseum eigentlich ist. Hat Sie denn keine eigene Idee für das Schocken? Als Lückenfüller ist ein Nationalmuseum zu schade.

FP: Was wäre denn Ihr Lieblingsstandort fürs Nationalmuseum?

Zastrow: Ganz klar: die Landeshauptstadt.

FP: Warum?

Zastrow: Das ist doch überhaupt keine Frage. Die Geschichte unseres Landes und gesellschaftliche Zusammenhänge kann man am besten dort vermitteln, wo der politische Mittelpunkt Sachsens früher war und heute immer noch ist, in Dresden. Und das Nationalmuseum soll kein Museum im Sinne einer Sammlung werden, sondern ein Ort für geschichtliche und politische Bildung, der vorrangig Schüler ansprechen soll.

FP: Aber es hat doch das Wort Museum im Namen? Wie soll es Geschichte nahe bringen?

Zastrow: Diese Einrichtung soll die Geschichte Sachsens in aller Tiefe und Breite darstellen, von der ersten slawischen Besiedlung über die Wettiner, die Kriege, Flucht und Vertreibung, die DDR bis zur friedlichen Revolution. Viele Schüler wissen von dieser Geschichte zu wenig. Es soll ein modernes Haus sein, wo es nicht nur starre Objekte gibt, sondern Wissen genauso aufregend vermittelt wird wie in ähnlichen Häusern in Bonn, Barcelona, Ypern oder Riga.

FP: Die Macher des im Schocken entstehenden Landesarchäologiemuseums sagen, auch dieses Museum wird nicht mit staubigen Vitrinen, sondern mit modernen Medien die Besucher locken. Davon abgesehen: Das Wort sächsisches Nationalmuseum irritiert. Sachsen ist doch keine Nation.

Zastrow: Die Deutschen haben mit dem Begriff Nation so ihre Probleme. Ich bin aber nicht bereit, diesen Begriff den Rechten zu überlassen und möchte mit ihm modern umgehen. Eine Nation ist für mich nicht zuerst ein Gebiet oder ein Staat, sondern eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamer Geschichte, mit gemeinsamen Traditionen. Aber am Namen soll es nicht scheitern. Es könnte auch Haus der sächsischen Geschichte heißen.

FP: Kommen wir zur Standortfrage zurück. Es gibt ein Konzept, das besagt, dass das Landesarchäologiemuseum im Schocken mit überschaubaren finanziellen Mitteln zum Nationalmuseum erweitert werden kann. Reizt Sie das nicht?

Zastrow: Das Problem ist doch, dass wir derzeit gar kein Geld haben, um das Nationalmuseum zu verwirklichen. Es ist dafür im Landeshaushalt kein Cent eingestellt.

FP: Aber warum geben Sie und die CDU als Landesregierung jetzt knapp 400.000 Euro aus, um das Japanische Palais unter anderem darauf prüfen zu lassen, ob es als Standort für das Nationalmuseum infrage kommt?

Zastrow: In der Studie geht es darum, eine optimale Nachnutzung für das Palais zu finden, nachdem es dort keine archäologischen Ausstellungen mehr gibt. Die Exponate gehen ja jetzt nach Chemnitz ins Landesarchäologiemuseum.

FP: Das klingt, als soll sich Chemnitz dafür entschuldigen.

Zastrow: Nein, das Landesarchäologiemuseum ist eine brillante Idee. Aber will mir die Chemnitzer Oberbürgermeisterin verbieten, dass ich über eine Nachnutzung des Japanischen Palais nachdenke, nur weil es in Dresden steht? Wir sind sogar verpflichtet dazu, weil das Palais eine Landeseinrichtung ist. Für dieses Haus gab es schon viele Ideen. Die jährlich 375.000 Euro geben wir aus, um endlich zu klären, wie wir es zukünftig nutzen können. Das Nationalmuseum ist nur eine Idee. Selbst wenn das Palais dafür geeignet sein sollte, startet nicht morgen der Umbau.

FP: Sondern?

Zastrow: Ich weiß nicht, wann es dafür Geld geben könnte. Wenn es in den nächsten zehn Jahren passieren würde, wäre es schon ein Erfolg.

FP: Dennoch ist nicht nur die Oberbürgermeisterin verwundert, warum sich in der FDP auch Chemnitzer Abgeordnete für einen Dresdner Standort aussprechen. Will man mit dem Chemnitzer Abgeordneten Andreas Schmalfuß darüber reden, wird man weiter zu Ihnen geleitet. Dürfen sich andere Abgeordnete nicht zu dem Thema äußern?

Zastrow: Natürlich ist mir die Meinung von Andreas Schmalfuß sehr wichtig. Das Nationalmuseum ist aber halt bei uns Chefsache. Es war ja im vergangenen Jahr meine Idee. Und es erschließt sich mir nicht ganz, warum Chemnitz so auf das Nationalmuseum pocht. Mit Chemnitz verbindet man andere Dinge stärker.

FP: Welche verbinden Sie damit?

Zastrow: Zuallererst die Industriekultur. Man sollte überlegen, wie man das Chemnitzer Industriemuseum weiter stärken kann. So wie ich mir wünsche, dass einmal jeder sächsische Schüler das Nationalmuseum besucht, wünsche ich mir, dass jeder Schüler das Industriemuseum besucht, um unseren Kindern diese typisch sächsische Technikbegeisterung zu vermitteln. Aber auch moderne Architektur und Kunst werden zunehmend zu einem Markenzeichen der Stadt.

FP: Da kamen bisher aus Dresden aber andere Signale, in dem man die Landeszuschüsse jährlich um sieben Prozent kürzte. Erst für die nächsten beiden Jahre ist dieses Prozedere ausgesetzt.

Zastrow: Dafür haben wir uns stark gemacht – angesichts der vielen Kürzungen an anderen Stellen im Haushalt ein guter Erfolg.

Quelle: fdp-sachsen.de

Datum: 20101222