Medienresonanz: Internet-Posse: Solarenergie-Informationen stehen unter der Rubrik „Tourismus“

(FREIE PRESSE/ Chemnitzer Zeitung/ 08.12.2007)

Stadträte enttäuscht vom Versteckspiel im Online-Auftritt der Stadt – Besserung erst im Sommer 2008

Von Jan Leißner

Würden Sie im Kaufhaus in die Lebensmittelabteilung gehen, um nach einem DVD-Recorder zu suchen? Wohl nicht. Doch von Besuchern der Internet-Seiten der Stadt Chemnitz wird solch abwegige Strategie erwartet. Denn wer Informationen zur Nutzung von Solarenergie unter www.chemnitz.de aufrufen will, muss sie unter der Rubrik „Kultur, Freizeit & Tourismus“ suchen und sie dort hinter dem vielsagenden Stichwort „Grünes Chemnitz“ vermuten.
Und wer gar die so genannte Solardachbörse sucht, wird überhaupt nicht fündig. Obwohl die Verwaltung laut Beschluss des Bauausschusses bereits im September 2006 damit beauftragt wurde, „eine Solar-dachbörse im Internetauftritt der Stadt vorzubereiten mit dem Ziel, Eigentümer von Dachflächen und potenzielle Investoren zusammenzubringen“. Vor allem geeignete Dachflächen öffentlicher Gebäude sollten demnach mit Standortbild, kurzer Beschreibung sowie Ansprechpartner angeboten werden. Doch wer jetzt den Begriff „Solardachbörse“ in die Suchfunktion des Internet-Auftritts eintippt, findet nur die Information zu besagtem Beschluss des Umweltausschusses auf Antrag der Grünen-Fraktion.
Das erschien der FDP-Stadtratsfraktion fragwürdig. Deren Chef Wolfgang Meyer hakte nun bei der Oberbürgermeisterin nach. Er wollte von der OB wissen, was Informationen zur Nutzung von Solarenergie mit Kultur und Tourismus zu tun haben.

Stadt: Solar passt zu Grün

Die schlichte Antwort der Verwaltung auf Meyers Anfrage: Die Seite zur Solarenergie passe thematisch am Besten unter die Rubrik „Grünes Chemnitz“. Man gelange außerdem von der Startseite des Webangebots über Suchbegriffe wie „Solarenergie“ sofort zur richtigen der rund 20.000 Internet-Seiten der Stadt. Doch die Verwaltung macht Meyer auch Hoffnung: Denn im Sommer 2008 soll der neue Internet-Auftritt der Stadt an den Start gehen. In dem sei eine eigene Rubrik „Umwelt“ geplant, unter der die Informationen zur Nutzung der Solarenergie eingestellt würden, „was die themenorientierte Suche erleichtern wird“.
Vom Versteckspiel der Verwaltung in ihrem Internet-Auftritt enttäuscht ist auch der Initiator der Solardachbörse Volkmar Zschocke. Der Grünen-Stadtrat hatte im Bauausschuss den Antrag eingereicht, wonach die Verwaltung beauftragt wurde, eine Solardachbörse im Internet vorzubereiten. Schließlich gilt Chemnitz aufgrund der überdurchschnittlich hohen Anzahl von Sonnenstunden als geeigneter Standort für den Aufbau von Solaranlagen. Hauptpotenzial für Solartechnik sind dabei Dachflächen. Doch was da im Juni 2007, also etwa acht Monate nach dem Beschluss der Stadträte, online zu sehen war, hatte nur noch wenig mit der ursprünglichen Idee der Grünen zu tun. Denn nun gibt nur eine Seite mit kurzer Beschreibung der Idee und den Kontaktdaten der zuständigen Bauverwaltung. Auch für den Minimalismus hat das Rathaus eine Begründung parat: Die Stadt als öffentlich-rechtliche Körperschaft dürfe keine Interessenten und Anbieter in werblicher Weise zusammenbringen, wie das bei einer Solardachbörse der Fall wäre.
Das es anders geht, zeigt ein Beispiel aus Stuttgart. Die städtische Wirtschaftsförderung hat für solche Projekte eine eigene Internet-Adresse (zukunftsenergien.region-stuttgart.de). Dachflächen für Solarprojekte werden beschrieben, dazu gibt es die Daten der Ansprechpartner.
Grünen-Stadtrat Zschocke glaubt noch daran, dass die Stadt mit der Überarbeitung ihrer Webseiten im kommenden Jahr nachziehen und so auch die halbherzige Vorgehensweise in Sachen Werbung für den Solarenergiestandort Chemnitz wettmachen kann. Derweil engagiert er sich auch privat für das Thema und gibt potenziellen Investoren unter der Adresse www.buergersolaranlage-chemnitz.de ausführlich Informationen zum Thema.

Datum: 20071208