Medienresonanz: Alte Bäume kontra Moderne – Diskussion um Autobahnschilder offenbart Defizit

(BLITZPUNKT Ausgabe Chemnitz/ 04.08.2007)

„Eigentlich gibt es um jedes Schild irgendwelche Diskussionen. Jeder Bürgermeister, jede Kommune will doch auf etwas hinweisen“, sagt Armin Reck, Sprecher des Autobahnamtes Sachsen. Die Rede ist von den großen braunen Tafeln, die an den Autobahnen auf Sehenswürdigkeiten hinweisen. Was Reck mit Diskussion bezeichnet, ist im Falle Chemnitz wieder einmal sehr vorsichtig umschrieben. Denn das Thema hat schon vor vier Jahren ernsthaft Stadtrat und Verwaltung beschäftigt – mit dem Ergebnis, dass die damaligen Beschlüsse nicht umgesetzt wurden und bis heute noch kein Schild steht. Stattdessen hat sich beispielsweise Annaberg-Buchholz an der A 72 in Chemnitzer Hoheitsgebiet „eingeschmuggelt“ und wirbt deutlich sichtbar nahe der Abfahrt Süd für die Bergstadt.
Zieht man die reine Lehre der Schildervorschriften zu Rate, dürfte das gar nicht sein. Denn laut Reck sollen die Tafeln neben vielen anderen zu erfüllenden Kritierien möglichst auf Objekte hinweisen, die von der Autobahn aus sicht- und direkt erreichbar sind. Dies sei allerdings auch der Punkt, der in den seltensten Fällen erfüllt werde, fügt der Behördensprecher hinzu. Im übrigen handele es sich zwar um eine Verwaltungsvorschrift des Bundes, aber jedes Land handhabe sie mehr oder weniger streng.
Trotz der Annaberger Konkurrenz ist es für Chemnitz noch nicht zu spät. Nachdem mit der City-Management und Tourismus Chemnitz GmbH (CMT) endlich die offenbar geeignete Institution in Sachen Autobahnwerbung beauftragt wurde, ist Geschäftsführer Michael Quast auch ziemlich schnell nach seinem Amtsantritt letzten Herbst tätig geworden. Das Ergebnis: Drei Standorte rings um die Stadt seien noch besetzbar, mit einmaligen Kosten von 3000 Euro pro Schild könne die CMT auch leben, aber das Wichtigste, der Inhalt, sei immer noch unklar. Quast hatte dem Wirtschaftsministerium und dem Autobahnamt als zuständigen Genehmigungsbehörden mehrere Vorschläge unterbreitet, von denen „Industriekultur in Chemnitz“ gleich durchgefallen war. Eher hat wohl „Stadt der Moderne“ in Dresden eine Chance. Aber damit stieß der CMT-Chef nun wieder beim Kulturausschuss auf Ablehnung. Der Begriff mag für Kunst- und Architekturführer geeignet sein, aber nicht für die auf ein Symbol reduzierte touristische Werbung gegenüber einem unvorbereiteten und unorientierten Publikum, wie es vorbeifahrende Autolenker nun einmal sind. Mitglieder des Ausschusses wie Kathrin Weinrich von der CDU, Frieder Jentsch von der Linken, Wolfgang Thielemann von der FDP und erst recht „TIETZ“-Chef Werner Rohr plädieren für den Versteinerten Wald als das Alleinstellungsmerkmal von Chemnitz, das auch auf den braunen Schildern stehen sollte. Mit der beabsichtigten Bewerbung um die Anerkennung als UNESCO-Weltnaturerbe steigt die internationale Wertigkeit des einzigartigen naturgeschichtlichen Erbes weiter, da sollte es an einer simplen Kleinigkeit wie den Autobahn-Schildern nicht scheitern, meint Rohr. CDU-Landtagsabgeordneter Peter Patt hingegen ist sauer, dass sich die Stadt ihren Slogan von fernen Behörden vorschreiben lassen muss. „Wenn wir Industriekultur drauf haben wollen, soll das nicht das Wirtschaftsministerium entscheiden“, sagt Patt. Das gewiss nicht zu den Top-Touristenorten zählende Schweinfurt macht übrigens mit „Industrie und Kunst“ auf „seinem“ Autobahnschild zumindest neugierig auf die Stadt.
Aufgrund der rundum ungeklärten Probleme um die braunen Schilder, die teilweise noch aus der Zeit vor ihrem Amtsantritt herrühren, hat Kulturbürgermeisterin Heidemarie Lüth entschieden: „Wir brauchen eine neue Beschlussvorlage.“ Die Vorarbeit von Quast solle dafür als Grundlage dienen. Die generelle Frage nach einem touristischen Leitbild bzw. Slogan für Chemnitz, der innen wie außen gleichermaßen verstanden wird, ist damit jedoch immer noch nicht beantwortet.

Von Gisela Bauer

Datum: 20070804